21.07.2026
Dieser Artikel entstand im Juli, ungefähr einen Monat nach dem Richtfest auf den Lorian Höfen. Wer sich für das Bauprojekt interessiert, wird auf der Projekthomepage lorian.de gut informiert. Ich versuche zu beschreiben, wie dieses Gebiet früher genutzt wurde.

Zur Orientierung: es geht um das heutige Grundstück Raiffeisenstraße 4.
Vor dem Bau der Raiffeisenstraße lautet die Anschrift Mühlenstraße 69. Daher kommt die ungewöhnliche Form der Fläche.
Die folgenden historischen Orthofotos der Jahre 1953, 1974 und 2023 von TIM-online zeigen die Entwicklung der Straße.
Erst das das Luftbild von 1974 zeigt eine ausgebaute Straße. Ausgebaut wurde sie früher im Jahr ????
Ursprünglich verlief im Bereich der Raiffeisenstraße die „Obere Schleife“ der Eisenbahnstrecke nach Würselen, siehe die Aufnahme von 1953. Anwohner berichten, dass sie in den 50er Jahren von
ihrer Terrasse aus auf die Schienen und die Züge schauen konnten.
Ihren Namen erhielt die Raiffeisenstraße im Jahre 1968, als man den 150. Geburtstag von F.W. Raiffeisen feierte. Auf Veranlassung von Direktor Herbert Hündgen von der damaligen Raiffeisenbank
Kohlscheid beschloss der Kohlscheider Gemeinderat die Namensänderung; vorher war die heutige Raiffeisenstraße der westliche Teil der Rembrandtstraße.
Bis zu ihrem Abriss blickten wir auf die Turmruine und die Halle. Die meisten wussten nicht, was diese Ruinen & Bauwerke bedeuten.
Wann genau und von wem diese Halle bzw. der Turm und wozu gebaut wurde, ist nicht klar?
Die Halle sehen wir schon auf dem Foto von 1953.
Die erste belegte Nutzung der Halle:
Die ehemalige "Kartoffelhalle" – ursprünglich Mühlenstraße 69 - wurde während des Zweiten Weltkrieges zur Lagerung von Lebensmitteln errichtet, um bei Versorgungsengpässen eine gewisse Reserve zu haben.
Hier war eine amerikanische Küche mit Bäckerei eingerichtet. Sie transportierte die Reste und Abfälle mit einem Lkw zur Müllkippe nach Klinkheide. Kinder und Erwachsene erwarteten den Lastkraftwagen, versuchten während der Fahrt von den "Abfällen" etwas zu erhaschen, holten sich dann nach dem Abkippen Weißbrotteig und Reste aus Konservendosen von der Halde zum weiteren Verbrauch.
1950 beschloss die Spar- und Darlehnskasse Kohlscheid, "et Bänksje", im Raum Kohlscheid, Richterich, Horbach und Bardenberg ein landwirtschaftliches Warengeschäft in ihren Geschäftsbereich aufzunehmen. Sie erwarben dafür diese Halle und bauten sie zu einem Lager um. Gehandelt wurde mit Kartoffeln, Futtermitteln, Kunstdünger sowie mit allen anderen landwirtschaftlichen Bedarfsartikeln und Erzeugnissen.
Nach Aufgabe des Warengeschäftes stand die Halle zur Verfügung. 1969 wurde die Vermögensgesellschaft Drehsen Eigentümerin der Gebäude, die sie der Firma Dreco als Abfüllbetrieb für flüssige Seife vermietete.

Der Turm war ursprünglich als Trocknungsgebäude für die Getreideanlieferung gebaut worden. Auf der Aufnahme von 1953 ist er noch nicht zu sehen.
Am 16. Januar 1981 wurde der Turm durch eine Explosion. Bei dieser Explosion fanden zwei Handwerker den Tod.
2022 machte das Gelände durch die schweren Tagesbrüche von sich reden. Mehrere Monate blickten wir auf die Verfüllmaschinen und Sicherheitsschilder. Der Untergrund des Grundstücks musste großflächig mit Beton verfüllt werden.
Im heutigen westlichen Teil der Raiffeisenstraße, etwa am ehemaligen Eisenbahnkörper, lagen 1780 noch im Hoheneicher Konzessionsgebiet bergbauliche Betriebseinrichtungen. Über die Rembrandt-
und die Raiffeisenstraße verlief 1842 der Hoheneicher Kohl(enabfuhr)weg zur Roermonder Straße.
Im ersten Satz geht es um die heutigen Hausnummern 10–18 und bergbauliche Nutzungen im Hoheneicher Konzessionsfeld: Bereits 1780 wurde am Holzer Weg (heute etwa Raiffeisenstraße, später im
Bereich des sogenannten Eisenbahnbogens) eine Grubenanlage stillgelegt. Im Jahr 1809 folgten weitere Aufgaben von Anlagen im Bereich der heutigen Straßenkreuzung
Mühlenstraße/Rembrandtstraße/Raiffeisenstraße; Hoheneich gab in diesem Jahr seine Schachtanlagen in genau diesem Kreuzungsbereich auf.

Wegen der damals vorhandenen bergbaulichen Einrichtungen und Schächte tritt an der genannten Kreuzung die Bebauung zurück. Zudem lagen weitere Grubenschächte aus dieser Zeit bis zum Haus Nr. 82 (Kohlen- und Baustoffhandlung Groten) in und hinter den Gärten der dortigen Häuser. Hier hat die frühere Bergbautätigkeit mit stillgelegten Schächten die spätere Bebauung und Straßenlage nachhaltig beeinflusst.
Die Karte der Alten Schächte zeigt in diesem Bereich die Schachtnummern 316, 237, 238.
Der aktuellste Kartenausschnitt stammt aus dem Bergbaugutachten für die Lorian Höfe. Er bestätigt die Schächte an der Raiffeisen- und der Mühlenstraße.
https://www.lorian.de/presse.php -> Antworten auf 22 Bürgerfragen -> Frage 8. Welche Unterlagen zur Standsicherheit zum Baugrund und zur Altbergbau-Gefährdung lagen der Bauaufsicht im August 2023 tatsächlich vor?
Im Bergbaugutachten für die Lorian Höfe werden drei Flöze erwähnt, Senteweck, Ley und Rauschweck. Ley dient als Ort für Geschichte und Film Lorian. In der Heimatliteratur finde ich das Flöz Ley für Kohlscheid bisher nicht.
Siehe dazu noch bei mir: Ein Bergbau-Märchen.
In den Wurmtalhängen treten schieferige Felsen mit Steinkohlenflözen (Ley) auf, wovon in Würselen mehrere -ley-Ortsnamen zeugen. Die Guttley bezeichnete eine solche kohleführende Ley; das „gut“ weist auf nutzbare Kohle hin, und unter französischem Einfluss wandelte sich der Name von Gutt(e)ley zu Gouley (auch als „Welsche“ bzw. „Franse Kull“ für die Grube überliefert).
Infos aus Kohlscheider Straßenspiegel, den Spurenbüchern und Bergwerke von Aretz.
Zitate nicht gekennzeichnet.