31.01.2026


53. Jahrgang. - Nr. 53.
Sonntags-Ausgabe.
Sonntag, 20. Januar 1901.
Drittes Blatt.
Kohlscheid, 19. Jan.
Quelle: Bearbeitete OCR-Erfassung von https://zeitpunkt.nrw/ulbbn/periodical/zoom/3596130 und folgende.
Vorgestern entstand im Bergrevier der Vereinigungsgesellschaft in der Nähe des Teuterhofes ein Tagebruch.
Die Verfüllungsarbeiten wurden sofort aufgenommen. . . . . . .
(es fehlen ein bis zwei Sätze, weil die Zeitung am oberen Rand, wo der Artikel fortgesetzt wird, abgeschnitten ist)
. . . . . . werden konnten, etwas Wasser aus der benachbarten Wurm in die Grube "Teut" ein. Man ließ deshalb heute die Belegschaft dieser Grube wie auch aus besonderer Vorsicht der Grube "Gouley" nicht einfahren. Bis Mittag erhofft man jedoch, die Arbeiten soweit gefördert zu haben, daß die Belegschaft wieder einfahren kann.
53. Jahrgang. - Nr. 54
Morgen-Ausgabe.
Sonntag, 20. Januar 1901.
Viertes Blatt.
Kohlscheid, 19. Jan.
Über den Tagbruch im Wurmtal wird uns noch folgendes gemeldet: Der Bruch entstand in nächster Nähe des Wurmbaches und waren alle Anstrengungen, die Senkung auszufüllen, vergeblich. Das Wasser dringt in die Grubenfelder und ist der Betrieb auf Grube "Teut" soeben''eingestellt worden. Man versucht der Kalamität durch Abdämmen und Ableiten des Wurmbaches in ein neu gegrabene: Bett abzuhelfen, doch ergießt sich das Wasser bis zum gegenwärtigen Augenblicke noch in die Gruben. Hunderte von Arbeitern sind in fieberhafter Tätigkeit, um Sandsäcke in die schwarzen Fluten zu versenken , während eine lange Reibe von Fuhrwerken ununterbrochen Holz, Schwellen, Säcke und Dünger herbeischaffen. Es werden große Strecken mit Drahtzäunen abgesperrt, da die Gefahr nahe liegt, daß die Senkung noch weiter ums sich greift. Aus der Ferne kann man sehen, daß an der Einbruchstelle ein fortwährendes Nachbröckeln stattfindet. Das Ableitungsbett der Wurm, welches etwa 50 Meter oberhalb der Bruchstelle abgeleitet wird, wird zu der anderen Talseite des Wurmtals herübergeführt. Wie groß die Wassermassen sind, die bis jetzt in den Bruch eindrangen, kann kaum annähernd geschätzt werden. Falls es nicht schnell gelingt;, das Wasser abzusperren, sind die Folgen gar nicht abzusehen, und werden wahrscheinlich bald noch weitere Gruben als"Teut", an erster Stelle wohl "Gouley", in Mitleidenschaft gezogen werden. Hoffentlich gelingt es, bald des Wassers Herr zu werden. da ein längeres Stillliegen des Grubenbetriebes für die ganze Gegend von großem Schaden ist. Die Leitung der Arbeiten hat Herr Bergassessor Klemme selbst übernommen. (Wie wir schon im Abendblatte aufgrund einer telegrafischen Meldung mit teilten, hofft die. Vereinigungsgesellschaft bis heute Abend den Schaden beseitigt zu haben, Anm. d. Redaktion).
Aus dem Wurmtal, 20. Jan.
Der Tagebruch am Teuterhof bildet heute den Zielpunkt einer zahlreichen Menge Neugieriger. Sich auf dem holprigen, unwegsamen Terrain bahnbrechend, zieht dieselbe durch das Gestrüpp des Waldes, da alle anderen Zugänge zur Unglücksstelle abgesperrt sind. Aber auch hier kann man die letztere nur aus einer Entfernung von etwa 80 Schritten in Augenschein nehmen, da ein Drahtzaun eine größere Annäherung verweht. Gendarmerie hält den Platz ununterbrochen besetzt. Da die Erdmassen durch das eingedrungene Wasser gelockert sind, so gewinnt die Erdsenkung immer mehr an Ausdehnung. Dieselbe hat bis heute einen Durchmesser von 7 - 8 Metern und reicht schon bis über das entgegengesetzte Ufer des Wurmbaches hinaus. Mit großem Getöse hört man die Massen, die einige mächtige Weidenbäume mit sich rissen, in die Tiefe fahren. Gestern Nachmittag hat man einstweilen von einer Füllung des Tagebruches Abstand genommen und sich nur mit der Abteilung des Wurmbaches befaßt. Die größte Gefahr ist glücklicherweise dadurch beseitigt, daß es gelungen ist, den alten Lauf der Wurm zu dämmen und das Wasser durch den provisorisch angelegten Graben abzuleiten. Da aber dieser bei der großen Eile von geringer Tiefe hergestellt werden konnte und also bei etwa eintretendem Regenwetter die Wassermassen nicht fassen könnte, so ist man gleichzeitig mit dem Auswerfen eines zweiten Bettes beschäftigt. Grube "Gouley" und "Teut" haben den unterirdischen Betrieb wegen des eingedrungenen Wassers einstellen müssen, doch hofft man in den nächsten Tagen. de selben wieder aufnehmen zu können.
Von anderer Seite wird uns weiter unterm 21. ds. Mts. telefonisch. gemeldet: Der Tagebruch vergrößert sich stündlich. Das Loch hat bis jetzt einen Durchmesser von 10-12 Metern angenommen. Seit Samstagnachmittag ist die Wurm, die ca. 10 Stunden lang ihr ganzes Wasser in die Grube gesandt hatte, abgeleitet. Schon vorher hatte man begonnen das Wasser mit den Grubenpumpen herauszuholen. Augenblicklich noch sind die Pumpen in Tätigkeit, jedoch hat der Wasserausfluß nachgelassen. Am Samstag Mittag mußte auch die Firma Honigmann (Sodafabrik) ihren Betrieb einstellen, weil ihr durch die Vergrößerung des Tagebruchs das Wurmwasser entzogen worden war. Heute wurde der Betrieb jedoch wieder aufgenommen. Die Belegschaft der Grube "Gouley" ist heute wieder angefahren; die der Grube "Teut" wird vorläufig noch übertagebeschäftigt bei dem Auswerfen des zweiten neuen Flußwurmbettes etc.. Ein Unglücksfall, der jedoch ohne schlimme Folgen blieb, ereignete sich am Freitag, indem ein Arbeiter in den Tagebruch abstürzte;er blieb glücklicherweise in einer Tiefe von ca. 5 Meter hängen und konnte mit Stricken wieder herausgezogen werden.
Morsbach, 21. Jan.
Über den Tagebruch im Wurmtale werden uns noch folgende Einzelheiten mitgeteilt: Der Bruch entstand in einem alten Flöz (Merle) des Ostfeldes der Grube "Teut", in welchem seinerzeit mächtige Flöze von über Meterdicke abgebaut wurden. Die Ausbeutung geschah vermittels Pfahlbaus, eine Bauart, die jetzt sehr wenig mehr und nur in liegenden Flözen zur Anwendung kommt. Für Fachleute wird es noch interessant sein, daß an der Bruchstein ein sogenannter "Sattel" sein soll. Den energischen Anstrengungen ist es noch am Samstagabend gelungen, die Wurm vollständig abzukehren, so daß kein weiteres Wasser mehr in die Gruben gelangte. Das eingedrungene Wasser hat überhaupt weniger Schaden angerichtet als man fürchten mußte. Auf "Gouley" ist es nicht über den sogenannten Sumpf (Aufsaugungsstelle) gekommen und auf "Teut" geht es schnell zurück. Ob noch Nachstürze eintreten, kann nicht vorhergesagt werden, da solche noch nach längerer Zeit erfolgen können. Jedenfalls wird alles aufgeboten und keine Mühe und keine Kosten gescheut werden, um jeden Unfall zu verhüten. Der Andrang zu dem Loche war gestern so groß, daß die Polizei alle Mühe hatte, die Leute von den gefährdeten Punkten abzuhalten. Natürlich fanden sich auch schnell ein paar Fotografen ein. Die Schichten werden weiter wie gewöhnlich arbeiten, und damit ist die Sache für diesmal glücklich zu Ende. Aber die Wurm ist ein böser Nachbar für unsere Grube.
Kohlscheid, 22. Jan.
Nach zuverlässigen Meldungen ist heute auf de: Grube "Teut-König" bereits die 270 m Sohle vom Wasser frei. Den Rest der Grube hofft man bis Montag vom Wasser frei zu haben. Die Gruben "Gouley" und "Kämpchen" sind, wie bereits mitgeteilt, außer jeder Gefahr und vollständig in Betriebe.
Aus dem Wurmrevier, 22. Jan. Über den Tagebruch schreibt uns heute einer unserer Mitarbeiter im Wurmrevier: Die Lage ist noch unverändert. Ein neuer Durchbruch hat nicht stattgefunden. Das am Samstag eingedrungene Wasser hat sich nunmehr in "Teut" und in der noch tiefergehenden "Königsgrube" gesammelt. Die Pumpen können nicht weiter arbeiten, da sie im Schlamm sitzen. Da aber kein weitere Wasser mehr eindringen kann, so hofft man, das Wasser so schnell herausschaffen zu können, daß die Aufräumungsarbeiten beginnen können. Im Wurmtale wird noch immer Tag und Nacht hindurch in drei Ablösungsschichten gearbeitet, um die bis jetzt fertiggestellten Arbeiten zu sichern und sie auch gegen höheren Wasserstand zu festigen . Das alte Wurmbett soll ausgefüllt werden. Auch ist man mit dem Ausfüllen des eigentlichen Bruches beschäftigt, was sich aber immer mehr als eine wahre Riesenarbeit herausstellt. Wie schon am Montag berichtet wurde, sind alle anderen Gruben außer Gefahr. Die Meldung, wonach "Kämpchen" feiern soll, ist ebenfalls irrtümlich: dort ist nicht die geringste Störung vorgekommen. Welchen Schaden das Wasser in den betroffenen Gruben angerichtet hat, ist noch nicht festzustellen.
Kohlscheid, 24. Jan.Die Folgen des Tagebruchs im Bergrevier der Vereinigungsgesellschaft sind jetzt beseitigt. Der Betrieb wird morgen auf allen Gruben wieder aufgenommen werden.
Morsbach, 24. Jan. Da der Wasserlauf der Wurm durch das jetzt fertiggestellte neue Bett genügenden Abschluß erlangt hat, hat man am Dienstag mit den Füllungsarbeiten des Tagebruches begonnen. Daß die Arbeiten durchaus nicht gefahrlos sind, ist leicht erklärlich. Der Schutt wird von einem nahegelegenen Hügel genommen, bis in die Nähe des über 200 Meter tiefen Loches gefahren und hier von mit Stricken befestigten Arbeitern mittels Schaufeln in das Loch hineingeworfen. Durch die noch andauernde Betriebseinstellung der Grube "Teut" beginnt hier, besonders bei der unbemittelten Klasse, ein empfindlicher Kohlenmangel sich fühlbar zu machen. Auf Grube "Gouley" werden nämlich, die Kohlen nicht wie auf "Teut" in kleineren Qualitäten, sondern nur Waggonweise abgeliefert. Die hiesigen Bewohner sind daher genötigt, ihren Bedarf an Kohlen auf den ziemlich entfernt liegenden Kohlscheider Gruben zu decken. Weiter liegt uns noch folgende Mitteilung unseres Berichterstatter vor. Die Arbeiten an der Bruchstelle im Wurmtale sind dem Unternehmer Herrn Hündgen übertragen worden, der mit etwa 100 Arbeiten in vollster Tätigkeit ist. Die Arbeiten zur Ausfüllung des alten Wurmbettes nehmen auch raschen Fortgang, dagegen ist das eigentliche Loch noch lange nicht gefüllt, sodaß gestern noch ein mächtiger Baum in demselben verschwand. Hier müssen die Arbeiten aber auch mit der größten Vorsicht gefördert werden, und sind die Arbeiter, die in Gefahr drohender Nähe arbeiten, angeseilt worden, so daß sie bei einem weiteren Nachsturz in der Luft schweben bleiben. Von Augenzeugen wurde uns heute der Moment geschildert, wie das Wasser, welches sich zuerst gestaut hatte und die ganze Versenkung ausfüllte, plötzlich durchbrach. Dieser Durchbruch geschah mit mächtigem Krachen und erhoben sich hohe rauchartige Wasserdämpfe. Auf Grube "Teut" ist das Wasser nun vollständig bezwungen, und sind Abteilungen von 15 - 20 Mann damit beschäftigt, die mit Schlamm und Geröll bedeckten Strecken zu reinigen und wieder in fahrbaren Zustand zu bringen.
Hinweis:
Laut Duden heißt es Tagesbruch. Trotzdem findet sich immer wieder Tagebruch ohne "s" - oder Tagbruch.