50 Jahre Kommunale Gebietsreform 2022

Meine Überlegungen zu "Herzogenrath" auf diesen Seiten stammen von 2012, ich lasse sie stehen. Aber  mit dem Jubiläum der Neugliederung soll „Kohlscheid“ neu gedacht werden.

 

Früher habe ich die Situation Kohlscheids wie die Einheimischen wahr genommen und beschrieben: eher aus der Perspektive des Verlustes, mit der Betonung der Eigenständigkeit. Wenn ich über die Entwicklung seit 1972 nachdenke, verändert sich meine Einschätzung. Anregungen dazu kamen aus den Gedenkfeiern zur Gebietsreform im Jahr 2022 – Anlass, meine Artikel zu überarbeiten.

 

 

Kohlscheids Vorgeschichte

Die Erinnerung an die mehrhundertjährige Geschichte von Kohlscheid darf auch künftig nicht verloren gehen. Erinnern wir uns aber daran, dass es ein eigenständiges Kohlscheid nicht so lange bestand, nur von 1908 – 1972. Vorher war Kohlscheid immer nur „Teil von …“.
Vor 1361 kann man die Existenz nur vermuten; ab diesem Jahr gehörte die Kohlscheider Siedlungsfläche zur Unterherrschaft Heyden, dem Heydener Ländchen. Diese Siedlungsfläche des heutigen Ortsgebietes bestand über lange Zeiten aus vereinzelten, nicht zusammen hängenden Wohnplätzen, Gütern und Gehöften. Orte wie Rumpen, Berensberg, Gut Forensberg u.a. werden schon früh belegt. 1524 taucht in einem Dokument „den rein an den Scheit“ auf an der Stelle des heutigen Kerns von Kohlscheid.
Der Ortsname „Dorff Kohlscheydt" taucht hingegen erst später auf, zuerst schriftlich belegt auf der Städlerkarte zum Verlauf der Wurm von ca. 1680 (solange niemand eine andere Quelle benennt).
1794 endete die Zugehörigkeit zum Heydener Ländchen. Die Franzosen lösten die bestehenden Herrschaften auf. Mit den folgenden Umorganisationen gehörte Kohlscheid zu Richterich und / oder Pannesheide, je nachdem, wie die jeweilige Bürgermeisterei gerade zugeschnitten wurde.
Erst 1908 erhielt die Gemeinde Kohlscheid ihren Namen als selbstständige Gemeinde. 1972 verlor Kohlscheid die Eigenständigkeit und wurde Teil der neuen Stadt Herzogenrath, gemeinsam mit der ursprünglichen Stadt Herzogenrath und der ebenfalls vorher selbstständigen Gemeinde Merkstein.

Die Umbenennung zu Kohlscheid 1908

Gab es bei mit der Namensnennung 1908 verbundenen Gebietsreform vergleichbare Nebenwirkungen wie wir sie nach 1972 kennen? Da Pannesheide vorher lange der namengebende Hauptort war, mussten sich die Pannesheider seitdem ein- oder unterordnen. Wie einvernehmlich ist das abgelaufen? Pannesheide wird bis heute in seiner historischen Bedeutung nicht richtig wahrgenommen, wenn mal wieder „Kohlscheid Mitte“ ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wird.
Oder bei den übrigen Ortslagen, die damals ihren Namen verloren haben und „eingegliedert“ wurden? Berichten einheimische Kohlscheider nicht noch heute von Klinkheide oder Kämpchen als „Ausland“ bis in die 50er Jahre?

Erkenntnisse 2022

Der Blick auf Kohlscheid nur durch die Brille des Verlusts der Eigenständigkeit hilft nicht für die Zukunft. Wir werden den Anforderungen der Gegenwart Kohlscheids nur gerecht, wenn wir Kohlscheid als – wichtigen – Teil der neuen Stadt Herzogenrath sehen. Und nicht als Verlierer der Geschichte.
Viele Kohlscheider*innen empfinden heute noch die Folgen des Zusammenschluss mit Merkstein und Herzogenrath 1972 als Verlust. Es gibt Gründe, diese Erfahrung neu einzuordnen und umzuschreiben. Eine Entscheidung, in der „Phase der Identifikationslosigkeit“ (Kaymer) zu verharren, ist nicht zwingend, diese trifft jede*r für sich individuell.


Freiwilliger Zusammenschluss
1972 hat es sich keinesfalls um ein „feindliche Übernahme“ gehandelt. Nach dem Aachen-Gesetz wäre es so gewesen, wenn Kohlscheid in Aachen „eingegliedert“ worden wäre. Aber die neue Stadt Herzogenrath wurde gebildet durch die Einigkeit der Vertreter der drei Teilgemeinden. Sie zogen den freiwilligen Zusammenschloss vor. Sie verzichteten auf die damals vorgeschlagenen „Zwangszusammenführungen“.


Warum kam es zur neuen Stadt „Herzogenrath“?
Der bevölkerungsmäßig kleinste der drei Partner besaß schon lange Stadt- und Münzrechte. Da schien die Wahl für Herzogenrath einfacher, zumal Herzogenrath die Mitte der neuen, langgezogenen Stadt darstellte. Und so bildet Herzogenrath heute das Zentrum.


Schwer zu entwickeln.
Die Stadt hat eine Nord-Süd-Ausdehnung von etwa 15 km, in der West-Ost-Achse sind es nur zwischen ca. 1 km in Straß und 4 km. Auf einer Länge von knapp 9 km ist die westliche Stadtgrenze die Landesgrenze zu den Niederlanden, im Wesentlichen zur Stadt Kerkrade. Im Osten grenzt die Stadtfläche an zwei Naherholungsgebiete, das Broichbach- und das Wurmtal. Dadurch die Fläche für eine sinnvolle bauliche Entwicklung für Gewerbe und Wohnen eng begrenzt.
Mit der niederländischen Stadt Kerkrade besteht eine enge Zusammenarbeit „als symbolische Doppelstadt Eurode“. Auf diesern Stadtflächen wohnen nahezu 100.000 Einwohner, eine große Herausforderung für die notwendigen kommunalen Versorgungsleistungen und  Infrastrukturen.


Gewinne und Verluste
Der Verlust der Kohlscheider und Merksteiner besteht wahrscheinlich darin, jetzt nicht mehr vor Ort im eigenen Rathaus heiraten zu können. Für alle Amtsgeschäfte muss man jetzt nach Herzogenrath. Kommunalpolitiker können besser beurteilen, ob die erfolgte Einteilung in Haupt- und Nebenzentrum finanzielle Vor- oder Nachteile hat. Gründe für unterschiedliche Entwicklungen gab es viele:
In der ersten Zeit soll der EBV als größter Grundstückseigner der Stadt Entwicklungen verhindert haben. Bevor er Grundstücke abgab, sollte daran noch einmal kräftig verdient werden. Wie stellt sich das heute dar?
Ja, mit dem Technologiepark entstanden in Kohlscheid mehr neue Arbeitsplätze als in Merkstein. Aber dort fehlen für Gewerbe taugliche Flächen. Eine weiteres Bauhindernis besteht dient Merkstein als Frischluftschneise für das Herzogenrather Wurmtal. (Ohne Merkstein keine gute Luft am Ferdinand-Schmetz-Platz).


Vorteile für Kohlscheid(er*innen)
Wenn man nicht muss, bewegt man sich weiterhin nicht nach Herzogenrath. Aachen ist ja weiterhin genauso gut erreichbar